An einem Morgen, irgendwo in Siebenbürgen

Viehtrieb in Siebenbürgen

Ich war im Sommer letzten Jahres für drei Nächte in einem Dorf in Siebenbürgen. Und schon am ersten Morgen war klar: Hier läuft die Zeit anders. Kein Großstadtlärm, kein Gedränge, kein Programm. Stattdessen Ruhe, weiches Licht und ein Dorfleben, das sich nicht beeindrucken lassen muss.

Was mich dort am meisten berührt hat, war ein tägliches Ritual, das kaum jemand laut ankündigt, aber jeder im Dorf kennt: der Viehtrieb. Zweimal am Tag wird der Dorfanger zur Bühne. Morgens um 06:00 Uhr, wenn die Sonne aufgeht. Und abends um 21:00 Uhr, wenn der Tag langsam ausklingt.

06:00 Uhr: Wenn die Höfe die Tore öffnen

Kurz vor sechs liegt eine besondere Stille über dem Dorf. Die Luft ist kühl, klar und frisch. Dann wird es heller, das erste Sonnenlicht trifft die Dächer, und plötzlich öffnen sich die Hoftore. Aus den Höfen werden die Tiere freigelassen. Ohne Hektik, ohne Lärm. Die Tiere trotten auf den Anger, das grüne Zentrum des Dorfes, und beginnen zu grasen. Dieser Moment wirkt so selbstverständlich, dass er fast unwirklich wird, wenn man ihn zum ersten Mal erlebt. Wir saßen auf dem Anger vor einem kleinen Einkaufsgeschäft und konnten alles perfekt beobachten. Genau das machte es so intensiv: einfach sitzen, schauen, still werden. Nach einer Weile kommt die Schäferin. Sie sammelt die Herde ein und treibt die Tiere durch das Dorf hinaus auf die Weide. Für mich war das ein fotografischer Traum: Gegenlicht, ruhige Abläufe, natürliche Bewegungen und eine Stimmung, die man nicht planen kann.

21:00 Uhr: Die Tiere finden ihren Weg nach Hause

Abends um 21:00 Uhr wiederholt sich das Ganze. Nur andersherum. Das Licht ist weich und golden, die Schatten länger, das Dorf ruhiger. Dann kommt die Herde zurück und zieht wieder durch die Gassen. Der Moment, der mich am meisten bewegt hat: Die Bauern öffnen ihre Tore, und die Tiere wissen ganz genau, wohin sie gehören. Kein Zögern, kein Durcheinander. Jedes Tier biegt wie selbstverständlich in den richtigen Hof ab und geht automatisch in die Stallung zurück. Das ist spektakulär, weil es so still ist. Weil es zeigt, wie sehr Alltag und Natur hier ineinandergreifen. Und weil man merkt: Das ist kein Schauspiel für Besucher. Das ist echtes Dorfleben in Siebenbürgen.

Dieser Rhythmus hat etwas Beruhigendes. Er ist weit weg vom Trubel der Großstadt und weit weg vom Tourismus. Für Fotografie ist so ein Moment pures Gold, aber nicht nur wegen des Lichts. Sondern wegen der Stimmung: ruhig, klar, ehrlich. Bilder entstehen fast nebenbei, weil man nicht jagt, sondern beobachtet.

Viehtrieb in Siebenbürgen
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